Zum Inhalt springen
Erstgespräch vereinbaren

Sachsen ohne Fachkraftquote: den Personalbedarf selbst begründen

Seit dem 13. April 2024 gibt es in Sachsen keine feste Fachkraftquote mehr, an der eine Pflegeeinrichtung ihre Personalausstattung einfach nachrechnen konnte. Was das Sächsische Wohnteilhabegesetz stattdessen verlangt, ist eine Begründung, die die Einrichtung selbst schreibt und im Prüfungsfall belegt.

  • Christian Monat
  • ca. 14 Min. Lesezeit
Eine Pflegekraft in rotem Oberteil trägt lächelnd einen Wasserkocher durch den hellen Flur eines Wohnbereichs mit Zimmertüren.

Wer von der Reform nur die Schlagzeile kennt, liest sie leicht falsch: als Lockerung, die weniger Personal erlaubt. Das Gegenteil ist richtig, denn an die Stelle der festen Zahl tritt eine strengere Pflicht: Die Einrichtung muss den eigenen Personalbedarf jetzt selbst herleiten und im Prüfungsfall belegen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Seit dem 13. April 2024 gibt es in Sachsen keine feste Fachkraftquote mehr, weder in Pflegeheimen noch in Wohngemeinschaften für pflegebedürftige Menschen oder Menschen mit Behinderungen.
  • Trotzdem muss jede Einrichtung weiterhin ausreichend und passend qualifiziertes Personal einsetzen und diesen Bedarf jetzt schriftlich selbst begründen.
  • Bei einer Prüfung zählt diese schriftliche Begründung, keine feste Zahl mehr. Zuständig dafür ist landesweit der Kommunale Sozialverband Sachsen.
  • In einer vom Anbieter verantworteten Wohngemeinschaft für pflegebedürftige Menschen muss immer eine geeignete Person anwesend sein. Nur die Fachkraft darf nachts in Rufbereitschaft sein, wenn der Pflegebedarf der Bewohnerinnen und Bewohner das zulässt und die Einrichtung das begründet.
  • Prüfen Sie jetzt, ob diese Begründung für jede Ihrer Einrichtungen schriftlich vorliegt, am besten vor der nächsten Prüfung.

Wer wenig Zeit hat, springt direkt zu den sechs Schritten für die Leitungsebene.

Fachkraftquote bezeichnete bis zum 13. April 2024 einen gesetzlich fixierten Mindestanteil examinierten Personals an den in Pflege und Betreuung Beschäftigten, wie ihn das inzwischen abgelöste Sächsische Betreuungs- und Wohnqualitätsgesetz (SächsBeWoG) vorschrieb. Personalbemessung im Sinne von § 15 des Sächsischen Wohnteilhabegesetzes (SächsWTG) meint stattdessen eine einzelfallbezogene Personalausstattung, ausgerichtet am tatsächlichen Bedarf der Bewohnerinnen und Bewohner. Ihre Angemessenheit muss die Einrichtung selbst begründen und dokumentieren. Zuständige Behörde für die Prüfung ist landesweit der Kommunale Sozialverband Sachsen (KSV Sachsen).

Was hat sich am 13. April 2024 wirklich geändert?

Betroffen sind alle stationären Pflegeeinrichtungen in Sachsen und jede anbieterverantwortete Wohngemeinschaft, unabhängig davon, ob sie schon lange bestehen oder erst neu gegründet werden. Der Sächsische Landtag hat das neue Heimrecht am 20. März 2024 beschlossen. In Kraft ist es seit dem 13. April 2024, einen Tag nach der amtlichen Verkündung. An diesem Tag hat das SächsWTG das bisherige SächsBeWoG vollständig abgelöst.

Verschwunden ist damit eine Zahl, an der sich Personaleinsatzplanung und Prüfung bisher gleichermaßen orientierten. Verschwunden ist nicht die Pflicht, ausreichend und fachlich geeignetes Personal einzusetzen: § 15 Absatz 3 SächsWTG verlangt weiterhin, dass Anzahl und Eignung der Beschäftigten zur jeweiligen Tätigkeit passen. Was fehlt, ist damit nur die feste Rechengröße, nicht die Sicherstellungspflicht selbst.

Wer aus „Quote weg“ liest „Pflicht weg“, verwechselt eine Rechengröße mit der Sicherstellungspflicht.

Welches Gesetz gilt und wer prüft es?

Zwei Regelwerke tragen die Reform und sie regeln unterschiedliche Ebenen. Das SächsWTG legt fest, was von einer Einrichtung oder Wohngemeinschaft grundsätzlich verlangt wird. Die Sächsische Wohnteilhabeverordnung (SächsWTVO), in Kraft seit dem 11. Januar 2025, konkretisiert das im Detail: Qualifikation der Fachkräfte, Fort- und Weiterbildung, Personaleinsatz und bauliche Anforderungen. Für die Praxis heißt das: Details zur Fortbildung oder zur Personaleinsatzplanung stehen meist in der Verordnung, nicht im Gesetzestext selbst.

Beide Regelwerke gelten für stationäre Pflegeeinrichtungen und für anbieterverantwortete Wohngemeinschaften mit drei bis zwölf Bewohnerinnen und Bewohnern (§ 3 SächsWTG). Ein klassischer ambulanter Pflegedienst, der einzelne Menschen in deren eigener Wohnung versorgt, fällt nicht darunter. Ebenfalls ausgenommen sind reine Angebote der Tages- und Nachtpflege (§ 2 Absatz 2 Satz 3 SächsWTG). Manche Träger führen mehrere Angebotsformen unter einem Dach, etwa eine stationäre Einrichtung mit angeschlossenem ambulantem Dienst. Dann sollten sie für jede Betriebsform einzeln klären, welche Vorschrift des SächsWTG greift, statt eine einheitliche Regelung für den ganzen Standort anzunehmen.

Geprüft wird zentral, nicht je Landkreis. Zuständig ist landesweit der Kommunale Sozialverband Sachsen (KSV Sachsen), unabhängig davon, in welchem Landkreis oder welcher kreisfreien Stadt eine Einrichtung liegt (§ 31 Absatz 1 SächsWTG). Die Fachaufsicht über den KSV Sachsen selbst, nicht über die einzelne Einrichtung, führt das Staatsministerium für Soziales, Gesundheit und Gesellschaftlichen Zusammenhalt, dem er nach § 31 Absatz 3 SächsWTG alle zwei Jahre über seine Arbeit berichtet. Für die einzelne Einrichtung bedeutet die zentrale Zuständigkeit vor allem eines: Es gibt keine unterschiedliche Prüfpraxis je nach Landkreis, an der sich eine eigene Auslegung orientieren ließe.

Beispiel

Angenommen, der KSV Sachsen stellt bei einer Prüfung fest, dass die Personalausstattung einer Wohngruppe nicht zum dokumentierten Bedarf passt: Er berät zunächst zur Abhilfe, statt sofort eine Anordnung zu erlassen.

1.142

stationäre Pflegeeinrichtungen in Sachsen zum Stichtag 15. Dezember 2023, ein Plus von 3,6 Prozent gegenüber 2021 (Statistisches Landesamt Sachsen). Die nächste Erhebung für 2025 ist laut Landesamt voraussichtlich erst im Februar 2028 verfügbar.

Wie viel Personal braucht eine stationäre Einrichtung?

Die Antwort hängt davon ab, welche Leistungen die Einrichtung erbringt. Wer Leistungen nach § 43 SGB XI erbringt, also vollstationäre Pflege über die Pflegeversicherung, erfüllt die Anforderung unter einer Bedingung. Anzahl und Qualifikation des Personals müssen der in der Pflegesatzvereinbarung vereinbarten Ausstattung entsprechen (§ 15 Absatz 4 SächsWTG).

Diese vereinbarte Ausstattung folgt wiederum aus einem bundeseinheitlichen Verfahren, dem Personalbemessungsverfahren PeBeM. Für jeden Pflegegrad legt der Bund Personalanhaltswerte in Vollzeitäquivalenten je Bewohnerin oder Bewohner fest, getrennt nach Fachkraft-, Assistenz- und Hilfskraftpersonal. Die konkrete Zahl für eine Einrichtung ergibt sich damit aus deren tatsächlicher Bewohnerstruktur, ausgehandelt mit den Pflegekassen, nicht aus einer landeseinheitlichen Quote und nicht aus diesem Beitrag. Der Unterschied zur alten Fachkraftquote liegt vor allem in der Reihenfolge: Früher stand die Zahl im Gesetz und die Einrichtung musste sie erfüllen. Heute steht die Zahl in einer individuellen Vereinbarung, die erst aus der tatsächlichen Bewohnerstruktur abgeleitet und mit den Pflegekassen ausgehandelt werden muss, bevor sie gilt.

Beispiel

Angenommen, eine Einrichtung versorgt überwiegend Menschen mit Pflegegrad 4 und 5: Dann verlangt das bundesweite Bemessungsverfahren rechnerisch mehr Fachkraftstellen je Bewohnerin oder Bewohner als bei überwiegend Pflegegrad 2. Die sächsische Regel übernimmt genau diese ausgehandelte Zahl, sie rechnet nicht neu.

Für Einrichtungen ohne solche SGB-XI-Leistungen gilt ein allgemeinerer Maßstab (§ 15 Absatz 5 SächsWTG). Betreuende, pflegerische und assistierende Tätigkeiten dürfen dann nur von Fachkräften oder unter deren angemessener Beteiligung ausgeführt werden, soweit der Rahmen­vertrag nichts anderes vorsieht.

Zwischen der vereinbarten und der tatsächlich besetzten Stelle kann eine Lücke entstehen, etwa durch Krankheitsausfälle oder eine offene Stelle, die sich nicht sofort neu besetzen lässt. Für ungeplante Ausfälle verlangt die Verordnung ausdrücklich eine Personalplanung, die sie ausgleicht (§ 22 Absatz 1 SächsWTVO). Solche Lücken sollten Sie deshalb erklären und durch ein Ausfallkonzept auffangen, damit die Angemessenheit der Personalausstattung im Prüfungsfall nachvollziehbar bleibt.

Eigens geregelt bleibt die Nachtwache, und zwar bewusst getrennt von der allgemeinen Personalbemessung. In Einrichtungen mit pflegebedürftigen Bewohnerinnen und Bewohnern muss als aktive Nachtwache mindestens eine Fachkraft ständig anwesend sein (§ 15 Absatz 6 Satz 4 SächsWTG). Besteht die Einrichtung aus mehreren abgeschlossenen Gebäuden, gilt das für jedes Gebäude einzeln, weil sich in der Nacht keine zusätzliche Fachkraft kurzfristig aus einem anderen Gebäude holen lässt.

Das alles muss dokumentiert werden, nicht nur eingehalten. § 9 SächsWTG verlangt Aufzeichnungen zu Name, Qualifikation, Arbeitszeit und Dienstplänen der Beschäftigten sowie zu Pflegegrad und Betreuungsbedarf der Bewohnerinnen und Bewohner. Wer diese beiden Datensätze nicht laufend führt, kann die Angemessenheit der eigenen Personalausstattung im Prüfungsfall nicht belegen, unabhängig davon, wie gut sie tatsächlich ist. Deshalb lohnt sich der Abgleich mit den laufenden Dienstplänen, bevor eine Liste eigens für den Prüftermin zusammengestellt wird.

Reicht in der Wohngemeinschaft nachts Rufbereitschaft?

Für anbieterverantwortete Wohngemeinschaften gelten zwei unterschiedliche Regeln für zwei unterschiedliche Personengruppen. Wer das übersieht, begründet am falschen Paragrafen. Maßgeblich ist dabei nicht die Bezeichnung der Wohnform, sondern wer dort tatsächlich lebt: Für Menschen mit Behinderungen verlangt § 19 Absatz 4 Nummer 2 SächsWTG, dass der Leistungsanbieter bei Bedarf eine Rufbereitschaft außerhalb der Betreuungszeiten sicherstellt.

Für pflegebedürftige Volljährige gilt eine andere Regel mit zwei Teilen. Erstens muss in der Wohngemeinschaft immer eine Person ständig anwesend sein, die allgemeine Unterstützungsleistungen erbringen kann (§ 21 Absatz 1 Satz 1 Nummer 3 SächsWTG). Diese Pflicht hängt nicht von der Bewohnerstruktur ab, die Person muss aber keine Fachkraft sein. Zweitens gilt für die Fachkraft: Erfordert der konkrete Pflege- und Betreuungsbedarf nicht ihre ständige Anwesenheit, muss sie im Bedarfsfall in angemessener Zeit erreichbar sein (§ 21 Absatz 1 Satz 2 SächsWTG). Diese Einschätzung trifft die Einrichtung selbst, nicht der KSV Sachsen im Vorhinein.

Was das im Alltag heißt, konkretisiert die Verordnung: In Zeiten ohne anwesende Fachkraft muss die Rufbereitschaft einer Fachkraft sichergestellt sein (§ 30 Absatz 2 Satz 2 SächsWTVO). Rufbereitschaft ersetzt damit nur die anwesende Fachkraft, nicht die anwesende Person. Sie ist eine Ausnahme für einzelne Zeiten und muss von einer begründeten, nachvollziehbaren Einschätzung der Bewohnerstruktur getragen sein. Diese Einschätzung muss dokumentiert werden, nicht nur die Entscheidung selbst.

Ohne Ausnahmegenehmigung ist eine gemeinsame Nachtwache für mehrere Wohngemeinschaften nur mit einem Nachtbetreuungskonzept möglich (§ 49 SächsWTVO). Die Verordnung erlaubt sie zwischen 20 und 6 Uhr für höchstens 24 Bewohnerinnen und Bewohner in Wohngemeinschaften, die im selben Gebäude nah beieinander liegen. Voraussetzung sind außerdem eine Rufanlage in allen genutzten Wohn- und Sanitärräumen und ein aktueller Erste-Hilfe-Nachweis des Nachtpersonals. Das Konzept muss in leicht verständlicher Sprache in jeder beteiligten Wohngemeinschaft aushängen. Die Bewohnerinnen und Bewohner werden in Textform informiert, künftige vor Vertragsschluss, und der KSV Sachsen erhält es samt späterer Änderungen zur Kenntnis.

Für die Personaleinsatzplanung folgt aus der Rufbereitschaftsregel eine zusätzliche Prüfung: Es reicht nicht, die Wohngemeinschaft insgesamt zu betrachten. Die Einschätzung muss für die dort tatsächlich lebenden Menschen aktuell sein und sich ändern, sobald sich deren Pflege- oder Betreuungsbedarf ändert.

Beispiel

Angenommen, acht pflegebedürftige Bewohnerinnen und Bewohner einer Wohngemeinschaft können nachts selbständig klingeln und kurz warten, ohne akute Pflege zu brauchen: Dann kann neben der ständig anwesenden Betreuungskraft eine dokumentierte Rufbereitschaft der Fachkraft ausreichen. Sind mehrere von ihnen nachts auf die unmittelbare Hilfe einer Fachkraft angewiesen, etwa wegen Sturzrisiko oder nächtlicher Unruhe, reicht die Rufbereitschaft in der Regel nicht.

Was unterscheidet Sachsen vom Bundesrecht?

Landesheimrecht und Bundesrecht regeln unterschiedliche Dinge, auch wenn beide die Personalausstattung berühren. Beide Ebenen verfolgen einen anderen Zweck: Das Ordnungsrecht des Landes soll Gefahren für Bewohnerinnen und Bewohner abwehren, das Bundesrecht regelt, wofür die Pflegeversicherung zahlt. Wer beides vermischt, argumentiert bei einer Prüfung an der falschen Stelle. Die folgende Übersicht trennt deshalb, was in Sachsen über die Heim­aufsicht gilt, von dem, was bundesweit über die Pflegeversicherung läuft.

AspektSachsen (SächsWTG, SächsWTVO)Bundesrecht (SGB XI)
RegelungsgegenstandOrdnungsrecht der Heim­aufsicht über Einrichtungen und WohngemeinschaftenLeistungs- und Vergütungsrecht der Pflegeversicherung
FachkraftquoteKeine feste Quote mehr seit 13. April 2024; § 15 Absatz 3 SächsWTG verlangt eine bedarfsgerechte, dokumentierte PersonalausstattungKeine Fachkraftquote; § 113c SGB XI legt bundeseinheitliche Personalanhaltswerte je Pflegegrad für die Pflegesatzvereinbarung fest (PeBeM)
Nachtdienst (stationär)Mindestens eine ständig anwesende Fachkraft je Gebäude als aktive Nachtwache, § 15 Absatz 6 SächsWTG, § 22 Absatz 3 SächsWTVONicht Gegenstand des SGB XI
WohngemeinschaftFür pflegebedürftige Volljährige ist immer eine geeignete Person ständig anwesend; die Fachkraft kann in Rufbereitschaft sein, wenn der Bedarf ihre ständige Anwesenheit nicht erfordert, § 21 Absatz 1 SächsWTG, § 30 Absatz 2 SächsWTVO. Für Menschen mit Behinderungen bei Bedarf Rufbereitschaft außerhalb der Betreuungszeiten, § 19 Absatz 4 SächsWTGNicht geregelt
AufsichtKommunaler Sozialverband Sachsen (KSV Sachsen) als zuständige Behörde für ganz Sachsen, § 31 Absatz 1 SächsWTGKein bundesweites Aufsichtsorgan; Qualitätsprüfung durch den Medizinischen Dienst
Sanktion bei VerstoßZuwiderhandlung gegen eine vollziehbare Anordnung der Behörde: Bußgeld bis 25.000 Euro, § 33 Absatz 1 SächsWTG; Verstöße gegen Anzeige- und Auskunftspflichten und gegen einzelne Personalvorgaben der Verordnung wie Nachtwache je Gebäude oder Rufbereitschaft: bis 10.000 Euro, § 33 Absatz 2 SächsWTG, § 52 SächsWTVOKein bußgeldbewehrtes Ordnungsrecht; Vergütungskürzung nach § 115 SGB XI bei Pflichtverstößen

Eine zu knappe Personalausstattung ist für sich noch keine Ordnungswidrigkeit. Bußgeldbewehrt ist erst die Zuwiderhandlung gegen eine vollziehbare Anordnung des KSV Sachsen, die in der Regel auf eine Beratung folgt und bei erheblichen Mängeln sofort ergehen kann (§ 33 Absatz 1 Nummer 6, §§ 25, 26 SächsWTG). Anders ist es bei einzelnen Personalvorgaben der Verordnung. Setzt eine Einrichtung mit mehreren Gebäuden nicht in jedem Gebäude eine Fachkraft als Nachtwache ein, ist schon das eine Ordnungswidrigkeit mit Bußgeld bis 10.000 Euro (§ 52 SächsWTVO). Dasselbe gilt, wenn in einer Wohngemeinschaft für pflegebedürftige Menschen ohne anwesende Fachkraft keine Rufbereitschaft einer Fachkraft besteht.

Für die Leitungsebene folgt daraus eine einfache Faustregel. Wer die Höhe der Personalausstattung begründen will, verweist auf das Bundesrecht und die Pflegesatzvereinbarung. Wer dagegen die Frage der Aufsicht, der Nachtwache oder der Wohngemeinschaft beantwortet, verweist auf das SächsWTG. Beides in einem Schreiben zu vermischen, schwächt die Begründung eher, als sie zu stärken.

Was ist jetzt zu tun? Sechs Schritte für die Leitung

Aus alledem lassen sich sechs Schritte für die Praxis ableiten. Sie bauen aufeinander auf: Erst die schriftliche Begründung, dann der Abgleich mit der tatsächlichen Besetzung, dann die Absicherung der Randzeiten und der Nachweise. Keiner der sechs Schritte ersetzt eine Rechtsberatung im Einzelfall, aber jeder lässt sich unabhängig von der Betriebsgröße umsetzen, von der Einzeleinrichtung bis zum Trägerverbund mit mehreren Standorten.

  1. Lassen Sie eine schriftliche Personalbedarfsbegründung erstellen

    Für jede Einrichtung und jede anbieterverantwortete Wohngemeinschaft einzeln, bevor die nächste Prüfung durch den KSV Sachsen ansteht. Eine gemeinsame Begründung für mehrere Standorte verdeckt unterschiedliche Bewohnerstrukturen. Halten Sie fest, wann die Begründung zuletzt aktualisiert wurde. So ist im Prüfungsfall sofort erkennbar, ob sie noch aktuell ist.

  2. Gleichen Sie die vereinbarte Personalausstattung mit der tatsächlichen Besetzung ab

    Für stationäre Einrichtungen mit Leistungen nach § 43 SGB XI: Vergleichen Sie die in der Pflegesatzvereinbarung vereinbarte Personalausstattung mit den tatsächlich besetzten Stellen.

  3. Prüfen Sie je Wohngemeinschaft, ob Rufbereitschaft trägt

    Klären Sie für jede Wohngemeinschaft einzeln, ob der Bedarf der Bewohnerinnen und Bewohner eine ständige Fachkraft-Anwesenheit erfordert oder ob ein dokumentiertes Rufbereitschaftskonzept ausreicht. In Wohngemeinschaften für pflegebedürftige Menschen bleibt dabei immer eine geeignete Person anwesend. Dokumentieren Sie diese Einschätzung auch dann schriftlich, wenn das Ergebnis ständige Anwesenheit lautet. So bleibt die Entscheidung nachvollziehbar.

  4. Sichern Sie die Nachtwache ab

    Mindestens eine ständig anwesende Fachkraft je Gebäude, dokumentiert in den Dienstplänen und nicht bloß im Konzept behauptet.

  5. Führen Sie Dokumentations- und Fortbildungsnachweise zusammen

    Bündeln Sie die Aufzeichnungen nach § 9 SächsWTG und die Nachweise zur Fort- und Weiterbildung, damit sie bei einer unangemeldeten Prüfung vollständig vorliegen.

  6. Terminieren Sie ein internes Audit vor der nächsten Prüfung

    Machen Sie die Personalbemessung zu einem eigenen Prüfpunkt des internen Audits. Ein eigener Prüfpunkt erzeugt auch dann einen Nachweis, wenn bei der Prüfung selbst nichts zu beanstanden ist.

Wie baue ich die eigene Bedarfsbegründung auf?

Eine Zahl kann Ihnen an dieser Stelle niemand seriös vorgeben, weder ein Gesetzestext noch ein Werkzeug im Internet, denn die richtige Zahl hängt von der konkreten Bewohnerstruktur Ihrer Einrichtung ab. Was sich vorstrukturieren lässt, ist der Aufbau der schriftlichen Begründung selbst. Der folgende Generator setzt aus Ihren Angaben zu Einrichtungstyp, Leistungsart oder Personenkreis, Bewohnerstruktur und Nachtorganisation ein Gerüst zusammen, das Sie um die tatsächlichen Zahlen, Namen und Qualifikationen ergänzen. Er ersetzt weder die Pflegesatzvereinbarung noch die fachliche Konzeption, sondern ordnet beide in einen zusammenhängenden Text ein, der sich bei einer Prüfung sofort vorlegen lässt.

Gerüst der Personalbedarfsbegründung
Läuft nur in Ihrem Browser, nichts wird übertragen oder gespeichert. Gibt keine Personalzahl vor.
1. Einrichtungstyp
2. Leistungsart oder Personenkreis

Wählen Sie zuerst den Einrichtungstyp aus Schritt 1.

Wird nur in den Text eingesetzt, dient keiner Berechnung. Eine Wohngemeinschaft umfasst drei bis zwölf Personen.
4. Bewohnerstruktur
5. Nachtorganisation

Wählen Sie zuerst den Einrichtungstyp (Schritt 1) und die Leistungsart oder den Personenkreis (Schritt 2).

Noch keine Angaben

Wählen Sie Einrichtungstyp, Leistungsart oder Personenkreis, Bewohnerstruktur und Nachtorganisation. Das Gerüst erscheint an dieser Stelle als Text zum Weiterschreiben.

Das Ergebnis ist ein Gerüst zum Weiterschreiben, keine geprüfte Rechtsauskunft und keine Zahl. Rechtsstand: 24. September 2026. Prüfen Sie vor Verwendung, ob sich SächsWTG, SächsWTVO oder Ihre Rahmenverträge zwischenzeitlich geändert haben.

Was in den nächsten Wochen zu tun ist

Am wichtigsten ist der Blick in den eigenen Ordner, und zwar für jeden Standort einzeln, nicht nur stichprobenartig für einen. Steht dort noch die alte Fachkraftquote als Zielgröße, oder liegt bereits eine Herleitung aus der Bewohnerstruktur vor? Wer das jetzt nachträgt, hat es bei der nächsten Prüfung durch den KSV Sachsen bereits vorliegen, statt es unter Zeitdruck nachzuliefern. Eine einmal erstellte Begründung ist zudem kein Dokument fürs Archiv: Ändert sich die Bewohnerstruktur wesentlich, sollte auch die Begründung erneut geprüft und bei Bedarf angepasst werden.

Wie ein internes Audit dafür aufgebaut wird, beschreibt der Leitfaden zum internen Audit im Sozialwesen. Wer für dieselbe Einrichtung auch das Gewalt­schutz­konzept auf dem aktuellen Stand halten will, findet dazu einen eigenen Beitrag zum Gewalt­schutz­konzept. Einen Ländervergleich des Heimrechts über Sachsen hinaus bietet der Beitrag Heimrecht in sechs Ländern.

Häufige Fragen

Gilt die Abschaffung der Fachkraftquote in Sachsen auch für ambulante Pflegedienste, die Menschen zu Hause versorgen?

Nein. Das SächsWTG regelt nach § 2 nur Einrichtungen, die Wohnraum und Pflege aus einer Hand anbieten, und nach § 3 ambulant betreute Wohngemeinschaften mit drei bis zwölf Personen. Ein klassischer ambulanter Pflegedienst fällt nicht darunter, für ihn gilt weiterhin das SGB XI.

Muss ich als Einrichtung jetzt weniger Personal vorhalten, weil die Quote weggefallen ist?

Nein. § 15 Absatz 3 SächsWTG verlangt weiterhin eine ausreichende, am tatsächlichen Bedarf ausgerichtete Personalausstattung, die der Träger begründen und dokumentieren muss. Für Einrichtungen mit Leistungen nach § 43 SGB XI bleibt zusätzlich die im Pflegesatz vereinbarte Personalausstattung die maßgebliche Bezugsgröße.

Was passiert, wenn der KSV Sachsen bei einer Prüfung die Personalausstattung für unzureichend hält?

Der KSV Sachsen klärt den Sachverhalt auf und soll zunächst zur Abhilfe beraten (§ 25 SächsWTG). Wird der Mangel danach nicht abgestellt oder ist er erheblich, kann er eine Anordnung erlassen; wer einer vollziehbaren Anordnung zuwiderhandelt, riskiert ein Bußgeld bis 25.000 Euro (§ 26, § 33 Absatz 1 Nummer 6 SächsWTG). Einzelne Personalvorgaben der Verordnung sind schon für sich bußgeldbewehrt, etwa die Fachkraft als Nachtwache in jedem Gebäude einer Einrichtung oder die Rufbereitschaft einer Fachkraft in der Wohngemeinschaft (§ 52 SächsWTVO, bis 10.000 Euro).

Reicht in einer ambulant betreuten Wohngemeinschaft wirklich Rufbereitschaft statt einer Fachkraft vor Ort?

Das kommt auf die Bewohnerstruktur an. In einer Wohngemeinschaft für pflegebedürftige Volljährige muss immer eine geeignete Person ständig anwesend sein; nur die Fachkraft darf in Rufbereitschaft sein, wenn der konkrete Bedarf ihre ständige Anwesenheit nicht erfordert (§ 21 Absatz 1 SächsWTG, § 30 Absatz 2 SächsWTVO). Für Menschen mit Behinderungen gilt eine eigene Regelung (§ 19 Absatz 4 Nummer 2 SächsWTG).

Gilt die neue Regelung auch für Beschäftigte, die nach altem Recht als Fachkraft zählten?

Ja, mit Bestandsschutz. § 36 Absatz 1 SächsWTG lässt Beschäftigte, die bislang nach dem Heimgesetz, der Heimpersonalverordnung oder dem SächsBeWoG als Fachkraft berücksichtigt wurden, weiterhin als solche gelten, solange ihre Tätigkeit keinen Anlass zur Beanstandung gibt.

Zum Weiterlesen

Quellen

  1. Sächsisches Wohnteilhabegesetz (SächsWTG), REVOSax (amtliche Sammlung des sächsischen Landesrechts), mit Fassungshistorie (in Kraft 13.04.2024 bis 16.08.2024, aktuelle Fassung seit 17.08.2024, geändert durch Artikel 2 Absatz 2 des Gesetzes vom 22.07.2024, SächsGVBl. S. 673), abgerufen am 24.09.2026. revosax.sachsen.de
  2. Gesetz zur Reform des Sächsischen Heimrechts vom 20.03.2024 (SächsGVBl. Nr. 4 vom 12.04.2024, S. 325), Artikel 3 (Inkrafttreten, Außerkrafttreten), REVOSax, abgerufen am 19.09.2026. revosax.sachsen.de
  3. Sächsische Wohnteilhabeverordnung (SächsWTVO) vom 18.12.2024, REVOSax, mit Fassungshistorie (in Kraft seit 11.01.2025), abgerufen am 24.09.2026. revosax.sachsen.de
  4. § 113c SGB XI, Personalbemessung in vollstationären Pflegeeinrichtungen (PeBeM). gesetze-im-internet.de
  5. Statistisches Landesamt Sachsen: Pflegeeinrichtungen, Eckdaten zum Stichtag 15.12.2023, mit Angabe des nächsten Berichtsstands (2025, voraussichtlich Februar 2028), abgerufen am 19.09.2026. statistik.sachsen.de

Hinweis

Stand 24.09.2026. Dieser Beitrag erklärt Rechtslage und Verfahren zum genannten Stand und ersetzt keine Rechtsberatung im Einzelfall. Änderungen von SächsWTG, SächsWTVO oder der Rahmenverträge nach § 75 SGB XI sind vor Verwendung an der Primärquelle zu prüfen.

Christian Monat

Externer Qualitätsmanagementbeauftragter aus Chemnitz. Berufserfahrung in Eingliederungshilfe, Sozialpsychiatrie und Suchthilfe, seit 2019 in Leitungsfunktionen. Mehr über mich

Personalbemessung nachweisbar machen

Im Rahmen eines internen Audits arbeite ich mit Ihnen durch, ob Ihre Personalbedarfsbegründung einer Prüfung durch den KSV Sachsen standhält. Wo die Herleitung noch Lücken hat, zeige ich das konkret an Ihren eigenen Unterlagen.

Erstgespräch vereinbaren
Drei Menschen sitzen an einem Holztisch in einem hellen Raum mit Pflanzen, ein Mann erklärt etwas, eine Frau und ein weiterer Mann hören zu.